Die weite Welt der Webseminare und Meetings...

Impressionen – von Susanne Wegner

“Was macht sie da??”
“Zieht sie ihren Hund an?”
“Weiß sie, dass wir alles sehen können?”
(Auszüge aus den sozialen Medien während eines Webseminars)

Ich mag Webseminare. Sie sind ein kleiner, unglaublich enger Kosmos der menschlichen Vielschichtigkeit. Man kann jede Menge beobachten und lernt Menschen manchmal ganz neu zu deuten.

Diese kleine Kamera… viel näher und viel länger als im wahren Leben ist man nun den Augen der anderen ausgesetzt. Und ich beobachte gern die anderen, das gebe ich zu. Jeder hat bereits seine eigene, ganz persönliche Web-Art! Da gibt es die Unruhigen. Ja, sie machen mich nervös, wenn sie die ganze Zeit mit dem Rechner durch die Wohnung laufen. Aber sie haben immerhin so etwas Sport. Dann gibt es die Nervösen – immer bewegen sie sich, fahren sich durch die Haare, setzen sich um, das macht aber wieder auch viel Spaß beim Zusehen. Dann gibt es die Leute, die wirklich immer so aussehen, als ob sie an der Decke lehnen. Wie kriegt man das hin?? Kameraeinstellung. Faszinierend!

Ich versuche zu den Ruhigen zu gehören – bloß nicht bewegen, das strahlt Seriosität aus, vielleicht wenigstens ein bisschen. Dann gibt es die Leute, die ständig etwas nebenbei tun – noch faszinierender, jeder guckt ja zu. Wo wir schon beim Thema sind – besonders Spaß machen auch alle, die ihren Bildschirm mit allen teilen und es vergessen. Oder wenn das Mikro immer an ist.. trinken, essen, tippen, wirklich alles ist in den kreativen Denkpausen zu hören. Mein Lieblingsgeräusch – auf eine Taste minutenlang immer wieder zu tippen, wahrscheinlich Löschtaste, absoluter Hammer, die Konzentration dabei zu halten ist eine herausfordernde Aufgabe. Telefonieren beim Webseminar und alle hören mit, auch schön, auch eines der Highlights. Aber mit ein denkwürdiger Moment: wenn alle per soziale Medien überlegen, was man im HomeOffice mit 30min. Mittagspause während des Seminars alles anfangen kann, Ideensammlung: Toast mit Joghurt, kochen geht nicht, Wäsche aufhängen…

“Kommt ihr?”
“Moment, bin dabei.”
“Wo bist du??”
“Hast doch Mail, oder?”

Ich liebe diese Unterhaltungen.

“Hey, ich bin da.”
“Wo denn??”

Zoom-Meetings sind etwas feines. Besonders schön, wenn ich die eigens angesetzten einfach vergesse… “Sorry, Leute, die Technik..” – diese Ausrede zieht fast immer. Oder jemand die falschen Zugangsdaten schickt – und schwups, sitzt man im Morgenkreis eines anderen Teams. Sorry, Leute, “Falsche Tür”. Auch schön – man besucht wirklich nur mal ganz kurz das Badezimmer… und schon sind alle weg. Oh…äh… Ja, war plötzlich zu Ende. Bis man das aber herausbekommt, vergeht einige Zeit.

Anfänglich dachte ich auch, es ist absolute Ruhe von Nöten. Die Kinder müssen beim Vater sein. Kein Essen. Ruhe. Aber die Welt verändert sich auch in der Corona-Zeit. Höhepunkt: kochen für die Notbetreuung, gleichzeitig Kind auf dem Arm und Webseminar neben all den Töpfen und Zutaten. Sage einer nochmal, Multitasking wäre erfunden! Ok… das Essen mochte irgendwie keiner, dem Seminar folgen war so auch nicht ganz leicht – aber die Kinder waren glücklich. Wieder was geschafft.
Ich halte jedenfalls Zoom-Meetings bereits in jedem Zimmer ab, Essen nebenher geht gut, und Kinder betuddeln auch irgendwie, die lauschen gern an der Tür. Ich kann überall webben.

Mein persönliches Highlight: wenn ich minutenlang über ein Thema schwadroniere, mich schon etwas wunderte, dass alle sehr still und ehrfürchtig zuhörten – und dann “Du, dein Internet ist ganz schlecht, das kam so abgehackt. Kannst du das nochmal wiederholen?”…Ja, das ist dann schon schön. Seitdem habe ich mir angewöhnt, die Leute noch genauer zu beobachten, wenn ich im Zoom-Meeting mich auslasse. Da! Ein Auge hat sich bewegt! Gott sei Dank, Internet ist noch da und es wurde alles gehört.

Zoom-Meetings und Webseminare. Ein Leben für sich.

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